Schockzustand

5. Dezember 2008

Wie schnell sich alles ändert.

Eben sitzt Du noch im Bett mit dem Mann zusammen, der die Nacht mit einem Kumpel durchgemacht hat und morgens um 6:40 polternd in die Wohnung geschlichen ist, dann 3 Stunden mehr schlecht als recht geschlafen hat und jetzt mit gehörig Restalkohol aber guter Dinge witzige Begebenheiten vom Abend vorher zum Besten gibt.

Dann klingelt das erste Handy, dann das zweite, man ist doch neugierig und hört die Nachrichten ab, und dann das: „Es gibt eine traurige Nachricht… Ruf mal an!“

Man ahnt, nein man weiß eigentlich, um wen es geht, gehen muss, denn der Mitbewohner vom Mann rief gestern nachmittag aus der Intensivstation des benachbarten Krankenhauses an. Er sei ein paarmal umgekippt in den letzten tagen, einmal sogar länger bewußtlos gewesen und wolle der Sache jetzt auf den Grund gehen. Irgendwas mit dem Herzen sei wohl nicht so, wie es sein solle, er bekomme Medikamente, aber jetzt stünden erstmal ein Haufen Untersuchungen an.

Nein, Besuch wolle er im Moment nicht haben, er brauche auch nichts, habe alles dabei. Nur die Krankenkassenkarte, die müsse er irgendwie verbummelt haben – aber er habe schon bei der Kasse angerufen, eine neue werde geschickt: ob man vielleicht in den Briefkasten sehen und die neue Karte bei Gelegenheit vorbeibringen könne?

Der Mann war geschockt von diesem Anruf: so schlecht geht es ihm, dass er gleich auf der Intensiv liegt? Aber er beruhigt sich selbst: Eigentlich klang er ganz ruhig, gar nicht besorgt oder besonders krank. Trotzdem, so plötzlich so ein Zusammenbruch? Na ja, starker Raucher ist er, trinken tut er auch ordentlich, und dann immer die Nachtdienste – gesund ist das alles nicht.

Und nun gab es Telefonate mit allen, die etwas wissen könnten – wissen sollten – der Exfrau, dem engen Freund, aber der Tod kam für alle völlig überraschend.

„Wenigstens ging es schnell!“ „Genauso hätte er es sich gewünscht!“ versucht man sich selbst und den anderen zu trösten. Wo es doch keinen Trost geben kann, nur hilflose Wut auf den Tod, auf die Ungerechtigkeit des Schicksals, einen äußerlich gesunden, lebensfrohen Mann so plötzlich aus dem Leben zu reißen.

Am 21. Januar 2009 wäre Holger 51 Jahre alt geworden.

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