Verzeihen lernen

9. Januar 2009

Depression

In dieser ersten Arbeitswoche im neuen Jahr (nach zwei Wochen, in denen ich einfach alle Gedanken an Arbeit, Schulden und Sorgen verdrängt habe) wuchs die Depression von Tag zu Tag.

Motivation hatte ich schon zu Beginn der Woche keine, aber ich war auch zunehmend weniger in der Lage, die einfachsten Dinge zu erledigen. Wichtige Anrufe wurden von Tag zu Tag aufgeschoben, mein Schreibtisch sieht aus wie ein Schlachtfeld, und ich habe praktisch keinen Finger krumm gemacht, um wenigstens ein paar Cent zu verdienen.

Das Schlimme ist, ich hatte nicht den Eindruck, einfach noch eine Woche Ruhe zu brauchen, nein, es fühlte sich an, als ob dieser Zustand jetzt für immer andauern würde.

Zum Glück weiß ich es besser. Ich weiß, es kommt ein Tag, ein Anruf, eine Mail, ein Satz in einem Film oder Bucht, und plötzlich geht die Sonne wieder auf, ein neuer Ehrgeiz packt mich, und ich starte einfach wieder durch. Dieser Tag wird kommen.

Nur dass ich leider einen Riesendruck habe, Geld zu verdienen, und auf diesen Tag nicht wirklich warten kann. So muss ich also einen Teil meiner Zeit und Energie abknapsen und an meinen negativen Gefühlen arbeiten.

Nachdem mir das gestern klargeworden ist, habe ich ein gutes Stück Arbeit geleistet:

Ich habe mich gefragt, ob meine aktuelle Angst, bestimmte Dinge zu tun (diverse Anrufe, die Planung meines nächsten großen  Kundenprojektes, einen aktuellen Überblick über meine Finanzen Schuldensituation) in erster Linie eine Art Versagensangst sind:

Habe ich Angst zu versagen und bewege mich deswegen nicht vorwärts?

Ich habe keine Angst, am Telefon zu stottern, Unsinn zu reden oder einen seltsamen Eindruck zu hinterlassen. Ich habe keine Angst, mein gesprächspartner könnte mich für eine komplette Idiotin halten. Ich weiß, dass ich am Telefon gut bin. Ich habe keine Angst vor dem Telefongespräch, ich habe Angst davor, den Hörer abzunehmen und die Nummer zu wählen.

Ich habe keine Angst, bei meinen Planungen zu scheitern. Ich liebe Pläne. Ich könnte den ganzen Tag Pläne und Auswertungen erstellen. Das Problem ist, wenn ich etwas geplant habe, habe ich keine Ausrede mehr, es nicht zu tun. Und bei dem aktuellen Projekt gibt es ein paar Unwägbarkeiten, die… nun ja, sich wahrscheinlich in einer halben Stunde ausräumen ließen, wenn ich nur den ersten Schritt täte und einfach mal anfangen würde.

Ich habe keine Angst, dass plötzlich irgendwo 5.000 Euro zusätzliche Schulden auftauchen, morgen der Gerichtsvollzieher klingelt oder der Mann mir die Freundschaft kündigt, weil der Energieversorger mal wieder mit einem Außendiensteinsatz droht (der jedesmal über 40,00 Euro kostet). Es ist nur dieses Gefühl von Aussichtslosigkeit – „Es ist ja eh kein Geld da, was hilft es mir dann, genau zu wissen, was ich wann hätte zahlen müssen? Es wird sowieso nie reichen.“

Ich habe keine Angst, dass die Menschen, die mir nahe sind, mich weniger mögen, wenn ich Dinge nicht hinbekomme. Im Gegenteil, wahrscheinlich hätten sie mich sogar lieber, wenn ich ein bißchen mehr von meinen Schwächen, Ängsten und Unsicherheiten zeigen würde.

Die Frage ist, ob Ich MIR verzeihen könnte, wenn ich „versage“.

Kann ich mir selbst verzeihen?

Als diese Frage in meinem Kopf auftauchte, kamen mir sofort die Tränen und ich musste an die drei Rückschläge denken, die ich in den letzten zehn Tagen erlitten hatte: einen Auftrag, den ich nicht bekommen habe, weil sich der Auftraggeber wegen extremen Zeitdruck für einen bekannten Kooperationspartner entschieden hat, eine wirklich misslungene Kommunikation mit einem Dienstleister eines meiner Kunden, die ich verbockt habe, und die Mail einer meiner ersten Kundinnen, die mir völlig lapidar und fast in einem Nebensatz mitteilt, dass sie über Weihnachten jemand anders mit meiner bisherigen Arbeit betraut hat.

In jedem Einzelfall kann ich Argumente finden, die meine eigene „Schuld“ am Geschehen verringern.

Sich unter Druck für die bekannte Option zu entscheiden statt das Neue zu riskieren, ist eine durchaus sinnvolle Geschäftsentscheidung, die ich absolut nicht persönlich nehmen muss.

Mein Gesprächspartner hat eine seltsame Reaktion gezeigt, die mein Misstrauen geweckt hat. Ich konnte mir sein Verhalten nicht anders erklären als mit einer betrugsabsicht und habe entsprechend gehandelt. Heute weiß ich, dass ich übereilt gehandelt und nicht genug nachgefragt habe. Ein Fehler, der jedem passieren kann, mit meinem Stress vor den Feiertagen zu tun hat und durch eine Entschuldigung/ Erklärung vielleicht sogar wieder auszubügeln ist.

Wenn ich von der Art und Weise absehe (die mich allerdings sauer macht), bin cih sogar froh, dass ich diese Kundin los bin. Menschlich hat das nie gepasst, und so viel geld habe ich mit ihr auch nicht verdient. Zudem ist sie extrem  geizig, so dass ich auch wenig Entwicklungspotenzial in meiner Arbeit sah.

Alles also eigentlich nicht wild, aber dennoch:

Ich konnte mir diese Dinge nicht verzeihen.

Und solange da drei unwillkommene Gäste in der Bar meines Bewusstseins herumlungerten, hatten die anderen auch keine rechte Lust mehr zu plaudern, zu trinken und Spass zu haben. Eine miese Stimmung kam auf.

Nachdem mir dies klar geworden ist, konnte ich endlich die befreienden Tränen weinen – und gleich am Abend den ersten der aufgeschobenen Anrufe machen (und heute einen zweiten). Auch einen groben Finaznüberblick habe ich heute fertig bekommen, und ich schaue schon wieder mit einem ganz klein bisschen Vorfreude auf bestimmte Aspekte meiner Arbeit.

Ich habe mir noch lange nicht verziehen, aber ich weiß jetzt, worum es geht und womit ich mich beschäftigen muss. Und wenn allein das Anerkennen, dass da etwas existiert, was ich mir (noch) nicht verzeihen kann, solche positiven Energien auslöst, wie mag das denn erst sein, wenn ich mir tatsächlich verzeihen kann?!

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