TAW – Die vierte Woche

11. April 2009

Das war die bisher spannendste Woche, zumindest von der Aufgabenstellung her, denn sie beinhaltete etwas, was mir unvorstellbar war: Nicht lesen!

Und zwar gar nichts: Keine Zeitungen, keine Bücher, keine Blogposts, keine Mails, nichts.

Nun, wenn man sein Geld mit Internetdienstleistungen verdient, lässt es sich nicht ganz vermeiden, Mails von Kunden zu lesen oder die eine oder andere Website, wenn man etwas recherchieren will. Aber ansonsten? Es war erstaunlich leicht!

Ich lese seit meinem dritten Lebensjahr, und ich lese exzessiv. Ich lese, wo ich gehe und stehe, und wenn es mir schlecht geht, lese ich noch mehr. Lesen ist meine Droge, mein Beruhigungsmittel, meine Flucht.

Indem ich mir das wegnahm, passierte genau das, was vorgesehen war: Die inneren Stimmen wurden erheblich lauter. Und klarer. Und das war die größte Überraschung und der größte Gewinn: Plötzlich konnte ich hören, was sie sagen! Da war kein diffuser Nebel, kein Wattekopf mehr, alles war kristallklar.

Dieser plötzliche Lärm in meinem Kopf gab mir in der ersten Woche einen ungeheuren Energieschub. Ich ackerte in meiner Wohnung, verbrachte viel Zeit mit Instrospektion – und fing sogar nach mehr als zwei Jahren wieder an zu laufen – jeden Morgen!

Es war mir fast ein wenig unheimlich, fühlte sich aber unglaublich gut an. Ich fühlte mich sehr bei mir selbst.

In der zweiten Woche kippte das Ganze dann ins Gegenteil um. Ein gesundheitliches Problem, das mich sehr sorgte, spielte dabei eine Rolle. Möglicherweise hatte ich mich auch in der ersten Woche übernommen, und Körper und Seele streikten nun.

In diesen zwei Wochen spürte ich meine ganze Ambivalenz: auf der einen Seite die depressive, unsichere, erschöpfte Frau mit tausend körperlichen Zipperlein, auf der anderen Seite die Frau, die in sich ruht, Unmengen von Energie hat und  spielend alles schaffen kann.

Das war eine sehr interessante und lehrreiche Erfahrung.

Ich habe das Lese-Zölibat, wie ich es zwischenzeitlich nannte, kurz unterbrochen als es mir körperlich so schlecht ging, dass ich wie ein nervöser Tiger im Käfig hin und her rannte und gar nicht mehr zur Ruhe kam. Es war also sozusagen ein therapeutischer Akt, und da meine Unruhe nichts mit meiner Lese-Abstinenz zu tun hatte, verzeihe ich mir das und hinterfrage nicht weiter, ob es sich um Selbst-Sabotage handelte.

Insgesamt eine höllenanstrengende Zeit, aber unglaublich fruchtbar! Daher nun in der Zusammenfassung:

Ein Mini-Rückblick

Ich habe nicht unbedingt öfter geschrieben aber dafür mehr: an 8 Tagen 25,5 von 84 (A5-)Seiten. Dabei waren einige sehr gute „Sessions“. In einer begegnete ich der Angst, etwas über mich zu erfahren, was ich möglicherweise lieber nicht wissen möchte.

Ich erfuhr, dass ich irgendwann einen Teil von mir abgespalten hatte und in einem Verlies gefangen hielt. Diesen Teil freizulassen, sei äußerst gefährlich, warnte mich meine Angst mit sonorer Gottesstimme. Im Laufe der ersten Woche kam ich mehr und mehr zu der Vermutung, dass das „Monster“ gar nicht mehr so gefährlich ist. Ich ließ es erstmal, wo es ist, aber der Widerstand gegen die Selbstreflexion verschwand von da an fast völlig.

Zwei Tage später hatte ich eine Begegnung mit meinem inneren Kind – mein innerer Widerstand gegen zuviel „Arbeit“. Dieses Kind hat ganz oft einfach keine Lust zu den Sachen, die ich meine machen zu müssen. Dann schmollt es, denn ihm ist langweilig und keiner spielt mit ihm. Ich nahm das als Hinweis, mehr zu „spielen“: Dinge zu tun, die mir Spaß machen und die nichts mit Pflichten und Arbeit zu tun haben.

Wiederum drei Tage später ließ ich mich auf meine Telefonangst ein. Ich begegnete meinen inneren Unsicherheiten, einem Meer von wuseligen blauen Wesen, die sich in Panik an mich klammern und mir die Luft rauben. Das war ebenfalls eine sehr intensive und aufschlussreiche Erfahrung.

Ich habe das Gefühl, in der ersten Woche haben sich in meinem Kopf alle möglichen Vorhänge gehoben und Nebelwände aufgelöst. Indem ich meine Ängste personalisiere, akzeptiere ich ihre Existenz und kann mich gleichberechtigt mit ihnen auseinandersetzen. Wir finden „gemeinsam“ Wege, dass es beiden Seiten – dem Willen und den Gefühlen – besser geht.

Ein Durchbruch!

Mein ‚Date‚ war ebenfalls gut. Auch das hat in der ersten Woche stattgefunden – mein Gott, wenn ich denke, was da in einer Woche alles passiert ist – kein Wunder, dass ich in der zweiten Woche erschöpft war! Es war ein Seminar über eines meiner Lieblingsthemen: Projektmanagement. Die Geschäftsfrau in mir war begeistert und hat das anschließende Get-together bis zum Schluss ausgekostet. Visitenkarten wurden nicht ausgetauscht, aber es war ein Test für derartige Veranstaltungen und das verhasste Networking.

Die Aufgaben haben mir Spaß gemacht, auch wenn ich nicht alle erledigt habe. Die „verschütteten Träume“ waren nicht sehr aufschlussreich, das Lese-Zölibat dafür um so mehr. Die Frage nach meinerTraum-Umwelt war schnell beantwortet; die entsprechenden Bilder habe ich sowieso immer im Kopf. Die Zeitreise habe ich nur halb gemacht (Brief der Achtjährigen) – vor dem Blick in die Zukunft graut mich ein wenig. Ich hätte eher Lust, jetzt einen Brief an die Achtzigjährige zu schreiben… Vielleicht mache ich beides noch am Wochenende.

Diesen privaten Raum für mich brauche ich nicht wirklich, denn meine ganze Wohnung ist ‚mein‘ Raum. Immerhin hat die Fantasie von einem Sitzplatz an meinem „grünen Fenster“ einen Riesenelan zum Aufräumen ausgelöst, damit endlich mal der Stapel mit Umzugskartons aus meinem Arbeitszimmer verschwindet (etwa 25% geschafft).

Die Lebens-Torte hat Verbesserungen in den Bereichen Spiritualität und Gesundheit/Sport ergeben sowie eine Verschlechterung bei Spiel, Romantik/Abenteuer und Freunden. Insgesamt keine gute Bilanz, aber es zeigt vielleicht, dass mir alle Bereiche zuviel sind – ein Fortschritt auf einem Gebiet geht zu Lasten eines anderen.

Das ausgedehnte Date kann ich mir im Moment kaum erlauben: ein ganzer Tag nur für mich? ich glaube, dafür brauche ich noch mehr Zeit.

Die Kleiderschrank-Aufgabe habe ich halbherzig versucht, aber nicht wirklich was gefunden. Hier ist mal ein grundsätzliches Ausmisten angesagt, was ich wirklich nicht mehr trage – denn mögen tue ich die meisten Sachen.

Veränderungsbedarf habe ich ganz eindeutig in meinem Arbeitszimmer – die Kartons müssen raus. Die Erkenntnis, was dieses Chaos unbewusst mit mir macht, war denn doch etwas beunruhigend.

Integrität…

…im Sinne von ‚Vollständigkeit, Unversehrtheit‘ – doch, das war schon mein Thema diese Woche. Ich bin zu Teilen meiner selbst vorgedrungen, von denen ich zwar ahnte, dass sie da sind (nicht zuletzt weil sie mich ständig beeinflussen), zu denen ich aber keinen Zugang hatte.

Ich fühle mich ‚vollständiger‘. Ich weiß jetzt mehr über mich als vor zwei Wochen. Und ich merke, wie alle Teile (auch die, die ich noch nicht kenne) zusammenwirken und ‚Eins‘ sind. Ich spüre die Ambivalenz nicht mehr so sehr als ‚Spaltung‘ oder als zwei Seiten einer Münze (also als Gegensätze), sondern eher als zwei Ausprägungen eines Kontinuums. Schwer in Worte zu fassen. Zwei Energiezustände, die aber icht unbedingt gegensätzlich sind, sondern verschieden. Ich hab’s noch nicht ganz.

Ich bin dankbar für diese zwei Wochen, trotz aller Anstrengung, und ich werde mein Leseverhalten künftig bewusster gestalten, jetzt wo ich merke, was ich mir damit eben auch wegnehme.

Auf in die nächste Woche!

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