Reizüberflutung

6. Juli 2009

Als introvertierter aber nicht unbedingt schüchterner oder kontaktscheuer Mensch kämpfe ich ein wenig mit dem gängigen Modell der Introvertiertheit.

Zumindest in Deutschland wird Introvertiertheit meistens mit Eigenschaften wie scheu, zurückgezogen, melancholisch, phlegmatisch, ungesellig und passiv gleichgesetzt (vgl. Wkipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Introvertiertheit), alles eher negativ besetzte Eigenschaften, so als wäre der/die Introvertierte irgendwie unsozial und funktionsgestört.

Introvert by Clearly Ambiguous
Foto: Clearly Ambiguous

Ich als introvertierter und hochsensitiver Mensch (HSP) finde mich eher in der amerikanischen Beschreibung des Phänomens wieder, wie etwa in dem großartigen Artikel Caring for Your Introvert von Jonathan Rauch.

Rauch beschreibt Introvertierte als Menschen, die

  • viel Zeit allein brauchen, um Energie zu tanken
  • gerne lange und intensive Gespräche über Gefühle und Ideen führen
  • mitreißend vor großem Publikum sprechen können, aber sich beim Small Talk ungeschickt anstellen
  • zu Parties gezerrt werden müssen und dann einen Tag brauchen, um sich davon zu erholen

Er hält es für falsch, Introvertierte als ernst, distanziert, abgehoben, arrogant oder unhöflich zu betrachten, und er warnt davor, Introvertiertheit gleichzusetzen mit mangelnden sozialen Fähigkeiten, Schüchternheit, Griesgrämigkeit oder Misanthropie:

Introverts are not necessarily shy. Shy people are anxious or frightened or self-excoriating in social settings; introverts generally are not. Introverts are also not misanthropic, though some of us do go along with Sartre as far as to say „Hell is other people at breakfast.“ Rather, introverts are people who find other people tiring.

„Introvertierte sind Menschen, die andere Menschen ermüdend finden.“ Das trifft den Nagel wunderbar auf den Kopf, und zwar im rein körperlichen Sinne: Der Kontakt mit anderen Menschen ist weder unwillkommen, noch werden andere Menschen aus einer distanzierten, überheblichen Position vom Introvertierten als „unwürdig“ beurteilt. Das Zusammensein ist nur so verdammt anstrengend! Es kostet unvorstellbar viel Kraft und Energie.

Ich WILL mit Menschen zusammen sein, ich will mich austauschen, will zuhören und erzählen, will lachen, singen und erleben. Aber es kostet mich soviel Kraft wie ein Marathonlauf.

Rauch selbst schreibt, er brauche etwa zwei Stunden allein, um sich von einer Stunde mit anderen Menschen zu erholen:

This isn’t antisocial. It isn’t a sign of depression. It does not call for medication. For introverts, to be alone with our thoughts is as restorative as sleeping, as nourishing as eating.

Es ist gar nicht so einfach, sich dieses Bedürfnis zuzugestehen, und noch schwerer ist es, dies einer Umwelt zu vermitteln, die zum Großteil aus extrovertierten Menschen besteht, die genau andersherum funktionieren: Für sie ist der Kontakt mit anderen Menschen ihr Lebenselixier, sie können ohne diesen Kontakt nicht funktionieren und gehen die Wände hoch, wenn sie auf sich zurückgeworfen sind.

Meine depressive Freundin, die vor allem darunter leidet, zu wenig Kontakt zu haben, kann nur sehr schwer akzeptieren, dass ich nicht alle paar Tage stundenlange Gespräche führen kann, weil ich sonst durchdrehe.

Es ist für andere schwer zu verstehen, dass es mir dabei nicht ums Wollen oder um ihre Person geht, sondern es mir schlicht physisch und psychisch nicht möglich ist.

Ich reagiere mit Überforderung und Erschöpfung. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Die Nerven liegen blank. Ich möchte zwölf Stunden schlafen. Der Kopf tut weh, die Augen brennen, ich habe einen Kloß im Hals.

Ich habe keine Angst vor anderen Menschen, im Gegenteil, ich bin als sehr kontaktfreudig bekannt. Ich bin weder schüchtern, noch verschlossen, noch hochmütig. Ich unterhalte mich gerne mit Menschen, ich höre mir gern ihre Geschichten an, ihre Sorgen und ihre Probleme. Ich sehe nicht auf andere herab für das, was sie sind oder fühlen oder denken oder tun.

Aber der Kontakt mit anderen Menschen strengt mich an. Ich empfinde zwischenmenschliche Kontakte als sehr intensiv. Ich nehme viel Energie von meinem Gegenüber auf (positive und negative), und so ist mein „Speicher“ schneller voll. Ich brauche länger, um Gesagtes oder Eindrücke zu verarbeiten. Ich bin schneller erschöpft.

Mein Widerwillen gegen Small Talk ist keine Missachtung, sondern eine Frage der Energieressourcen. Ein Gespräch fordert meine volle Aufmerksamkeit, fordert Reflexion, Auseinandersetzung, Einsatz. Wenn es um nichts geht, lohnt sich der Aufwand nicht und kostet nur unnötig Kraft. Es gelingt mir nicht, mich in ein Gespräch nicht einzubringen.

Ich hasse es, mich zu wiederholen. Wenn ich etwas mit jemandem bespreche, dann ist es für mich erledigt. Wenn wir alle Alternativen eines Vorhabens diskutiert haben und eine favorisieren, dann steht diese Entscheidung fest, und es macht mich wahnsinnig, am nächsten Tag dieselbe Diskussion nochmal zu führen, ohne dass neue Gesichtspunkte aufgetaucht wären.

Ich denke, bevor ich spreche, während viele meiner Freunde und Bekannten anscheinend erst durch das Sprechen ihre Gedanken für sich selbst formulieren können. Ich denke nicht, dass der eine oder andere Weg besser ist; die Methoden sind unterschiedlich, und ihr Aufeinandertreffen macht das Zusammenleben schwerer.

Die englischsprachige Wikipedia fasst die Verfasstheit von Introvertierten sehr treffend zusammen:

Introverts (…) often take pleasure in solitary activities such as reading, writing, drawing, and using computers. The archetypal artist, writer, sculptor, composer, and inventor are all highly introverted. An introvert is likely to enjoy time spent alone and find less reward in time spent with large groups of people, though they tend to enjoy interactions with close friends. They prefer to concentrate on a single activity at a time and like to observe situations before they participate. Introverts are easily overwhelmed by too much stimulation from social gatherings and engagement. They are more analytical before speaking.

Introversion is generally not the same as shyness. Introverts choose solitary over social activities by preference, whereas shy people avoid social encounters out of fear.

Und sie fasst auch mögliche biologische Ursachen zusammen:

  • Extrovertierte scheinen stärkere äußere Reize zu benötigen, um dieselbe körperliche Reaktion zu zeigen
  • Extrovertierte reagieren empfindlicher auf Dopamine, womit mögliche Belohnungen als stärker empfunden werden
  • Generell scheinen bei Introvertierten und Extrovertierten unterschiedliche Gehirnregionen stärker durchblutet zu sein: der Frontallappen (Steuerung der Ausführung von Bewegungen und Regulierung der kognitiven Prozesse hinsichtlich der Ausführung situationsgerechter Handlungen) und der Thalamus dorsalis (Informationsverarbeitung, Planung, Problemlösung) bei Introvertierten, die Pars anterior des Cingulum und der Temporallappen (Sinneswahrnehmung, Sprache, Erinnerungen, emotionale Wahrnehmung) bei Extrovertierten.

Es tut gut zu wissen, dass ich nicht „gestört“, „falsch“ oder „unwillig“ bin, sondern anders als die Menschen in meinem Umfeld. Ich habe ein Recht auf Verständnis, Toleranz und Rücksichtnahme. Ich muss nicht „anders“ sein. Ich muss mich nicht „mehr anstrengen“. Ich muss nicht „über meinen Schatten springen“.

Ihr müsst akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders ticken!

Black sheep by pasotraspaso
Foto: pasotraspaso

Ein schönes Blog zum Thema: eine hochsensitive

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Eine Antwort to “Reizüberflutung”


  1. […] Auszeit kommt gelegen, denn in den letzten vier Wochen hatte mein introvertiertes Ich allerlei um die Ohren: Besuche bei Verwandten, Begegnungen mit neuen Menschen auf engstem Raum, […]


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