Logbuch Dienstag, 11. November 2014

12. November 2014

H. steht früh auf und weckt mich unabsichtlich. Ich mache den Wecker aus und döse nochmal ein. Um 6:00 Uhr rühre ich mich, wir kuscheln etwas, bis er wieder einnickt. Robin.
Kurz vor sieben stehe ich auf, es folgt die übliche Morgenroutine: Klo, Kaffee aufsetzen, Fenster auf, den Geruch testen (Schokolade). Dann Rechner an, Flickr, RSS-Feeds. Dazwischen den fertigen Kaffee holen.

Mails abrufen. Eine Mail vom Magazin-Kunden. Vom vorigen Spätvormittag. Mist. Ich kann damit jetzt nicht umgehen; werde sie später lesen.

Ich weiß, ich MUSS heute am Magazin weiterarbeiten, obwohl ich es hasse. Eines dieser Projekte, wo ich fast die ganze Zeit im Blindflug unterwegs bin und meinen Weg Richtung Projektende pfusche. Zu viele Unwägbarkeiten und Fragezeichen. Dread.
Stattdessen: Vermeidungstaktik. Eine Runde Str8ts spielen. Dann eine Runde Mah-Jong. Fotos aus dem Sommer bearbeiten.

Um halb zehn Frühstück mit H. Danach fühle ich mich krank, vergrippt. Noch eine kurze Besprechung wegen der Arzt-Datenbank, dann mit einem Tee (Ingwer, Pfefferminze, Zitronensaft) ins Bett. H. geht. Robin.

Um 12:00 stehe ich auf, mit einem Song im Kopf: „Rantin‘ Rovin‘ Robin“. Gesungen von Andy M. Stewart. Das brauche ich jetzt. Die nächste Dreiviertelstunde Stewart-Songs auf YouTube angehört. Diese Stimme! Manche Songs, vor allem die getragenen machen mich traurig. Schnell weiter!

Kurz nach eins starte ich endlich mit der Arbeit. Ein neues Hilfsmittel: Defonic. Verschiedene Umweltgeräusche, die man sich zu einem individuellen Klangteppich zusammenklicken kann. Ich nehme „Wind“, „Heavy Rain“ und „Thunder“ – heftiges Regenprasseln, unterlegt von zeitweisem Donnergrollen. Die perfekte Kulisse für einen Tag am Rechner.

Ich komme gut voran, obwohl auch dieser Tag an diesem Projekt in erster Linie geprägt ist von Haken, Ösen, Schwierigkeiten und Roadblocks. War ja klar. Aber ich wurstele mich stur durch, heute ist mir egal, wie schnell ich vorankomme, Hauptsache, es bewegt sich was.

Um vier höre ich durch mein Schreibtischgewitter und das geschlossene Fenster Trompetenklänge von draußen. Fast vergessen: 11. November. Karneval. Aber eben auch der jährliche St.-Martin-Laternenumzug, der von der Kirche gegenüber startet. Ich öffne das Fenster und lehne mich weit hinaus, brauche eine Weile, bis ich St. Martin auf seinem Pferdchen sehe. Ein hellbraunes Islandpony dieses Jahr. Die Pferde werden immer kleiner, und die Teilnehmer auch. Die meisten werden mittlerweile im Kinderwagen im Zug geschoben, dazwischengestreut in den Tross ein paar Kleinkinder. Ich entdecke M. mit ihrer behinderten Tochter im Rollstuhl (warum kann ich mir nie ihren Namen merken?).

Als sich der Zug in Bewegung setzt, kommen mir die Tränen, denn ich erinnere mich plötzlich, wie C. immer die Ohren gespitzt hat, wenn er von seinem Schlafplatz im Bett oder am Baum die Trompete gehört hat. Ich muss heulen. Das erste St. Martin ohne C. Der erste Herbst ohne C. Unendliche Trauer. Ich weine heftig, fühle mich weniger als je zuvor in der Lage, wieder ein Katzentier in mein Leben zu lassen. Warum lieben, wenn die Liebe doch immer mit Schmerz verbunden ist? Wenn der Verlust so untrennbar mit ihr verbunden ist? Robin sagt, „Weil das Gute überwiegt. Weil das Gute den Schmerz wert ist.“

Ich zwinge mich, weiterzuarbeiten, und die Regenstimmung an meinem Arbeitsplatz vertreibt tatsächlich die schlimmsten Gedanken, und ich kann noch bis sechs Uhr arbeiten.

Dann  raucht allerdings auch der Schädel, ich habe Hunger und fühle mich ausgelaugt. Also mit einem Brot und dem Kindle in den Sessel und runterkommen.

Um Viertel sieben kommt H. nach Hause, und ich gehe in die Küche und mache mich ans Geschirr. Er kramt rum, packt Taschen aus: Thunfischsteaks für die Nudelsoße, stöbert im Kühlschrank („Sind das alle Oliven?“) und richtet sich ein. Erzählt von den Anrufen, die er heute gemacht hat.

Ich habe nochmal etwas Kraft gesammelt und setze mich noch 20 Minuten an die Magazin-Seite, dann war’s das mit Arbeit für heute. 5 Projektstunden. Nicht viel, aber mehr ging eben nicht. Dafür habe ich eine funktionierende Lösung für das bescheuerte Carousel gefunden (Flexslider). Gibt’s für den Kunden wieder was zu gucken.

Wir essen um halb neun (Penne mit einer kräftigen Tomatensoße mit Thunfisch und Oliven, dazu Radicchiosalat) und sehen nebenbei auf Arte die Dokumentation „Der letzte Kalif von Afghanistan“ über den Taliban-Führer Mullah Omar. Es ist Themenabend „Afghanistan“ auf Arte, und es folgen noch andere interessante Beiträge (ein Gespräch mit dem Islamexperten Gilles Kepel und „Countdown Afghanistan“ – für „1979. Der Afghanistan-Krieg verändert die Welt“ ist es mir dann leider zu spät, vielleicht schaue ich mir das später im Internet an).

Ich schlafe gegen halb elf.

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