Logbuch Freitag, 5. Dezember 2014

5. Dezember 2014

Morgens ruft H. an: Er hat ein Ticket für Sonntag gekauft und kommt abends um kurz vor neun an. Ich freue mich, auch weil ich dadurch noch das ganze Wochenende für mich habe (also zum Arbeiten…).

≈≈≈≈

Eigentlich bin ich recht motiviert in den Tag gegangen, aber irgendwie ist alles furchtbar spät geworden, ich habe erst um 11:00 gefrühstückt, dann noch ein paar Sachen nachgeschaut, dann ist es plötzlich Nachmittag, ich muss bald los und habe überhaupt keine Lust mehr, etwas zu arbeiten. dazu latente Kopfschmerzen und bleierne Müdigkeit.

Aaaarrrggghhh!!!

≈≈≈≈

Vormittags ein Notruf von D.: er ist auf dem Weg nach B., hat aber seinen Schlüssel nicht. Was nun? Ich habe ja auch keinen mehr. Falls J. nicht da ist, könnte er natürlich in H.s Wohnung schlafen…

Chaot. 😉

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Ich beschließe irgendwann, dass heute eben kein Arbeitstag ist und gebe nach: essen, lesen, surfen, Fotos sortieren, ins Bett und wieder lesen, darüber eindösen, aber nicht schlafen, weiterlesen, nicht an Telefon gehen als P. anruft, kurz vor 17:00 aufstehen.

≈≈≈≈

Anziehen, einpacken, obwohl es nicht besonders kalt ist, aber die ganze Zeit draußen zu sein auf dem Weihnachtsmarkt, wo man auch viel steht oder langsam geht – sicher ist sicher. Ausziehen geht immer noch.

Zur Bank, checken, ob alles erledigt ist. Ist es nicht. Nicht aufregen, hilft nichts, morgen nochmal probieren, ansonsten Montag Rabatz machen.

Noch schnell zu Karstadt rein. Die Platzdeckchen, die ich mir farblich für Weihnachten denke, kosten 3,99 EUR das Stück. Bin ich bereit, 12,00 oder 16,00 EUR auszugeben für den Weihnachtstisch? Gut, ich kann sie später auch nutzen; andererseits sind Platzdeckchen nicht das, was im Haushalt unbedingt fehlt. Der Kauf widerspricht meinem Streben, keinen weiteren Kram in mein Leben zu holen.

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Wann sind die Kurzstreckenfahrscheine teurer geworden? Werfe mein mühsam rausgekramtes Kleingeld zurück ins Portemonnaie und krame anderes hervor.

Die Bahn ist proppenvoll. Eine Frau quetscht sich mit faltbarem Mini-Buggy und darin befindlichem Kind noch hinein und steht dann quer vor der Tür. Es entspinnt sich ein kleiner Austausch zwischen ihr und der vielleicht 2-jährigen Tochter im Buggy.

An der nächsten Station fragt die Frau laut in die Runde, ob vielleicht irgendjemand assteigen möchte…? Die Reaktion ist eine Mischung aus Gelächter, genervtem Aufstöhnen, zwischen den Zähnen herausgepressten Flüchen und einem kollektiven „Jaaa!“ wie beim Kasperletheater. Sie steigt dann pflichtschuldigst aus, um die Tür freizugeben und anschließend wieder einzusteigen.

Immerhin mal jemand, der mit seiner Umwelt kommuniziert! Man freut sich ja schon über Kleinigkeiten…!

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Am Weihnachtsmarkt angekommen schaue ich auf die Uhr: halb sechs. W. treffe ich „ab 19:00 Uhr“, ich habe also massig Zeit, in Ruhe eine Runde zu drehen, zu schauen, Fotos zu machen.

Schon nach kurzer Zeit überfällt mich eine schöne, dicke Depression: Die Erinnerung an all die Jahre, die ich auf diesem Weihnachtsmarkt war, mit den verschiedensten Leuten. Wie ich vor 35 Jahren als Kind hier selbst drei Jahre an einem Stand „Dienst tat“. Vor 35 Jahren! 35 Jahre!!! Mir wird kurz schlecht. Ich möchte heulen. Die Depression habe ich natürlich nicht wegen der 35 Jahre, sondern sie ist zum einen hormonell bedingt (prämenstruell…), zum anderen entstammt sie meiner unendlichen Erschöpfung, körperlich wie emotional.

Können Selbständige eigentlich auch in Kur gehen? Um Burnout zu verhindern, oder so? Dazu müsste ich vermutlich erstmal den Kampf mit Ärzten, der Krankenkasse und wem sonst noch aufnehmen, und dazu habe ich ironischerweise keine Kraft. Also irgendwie durchhalten und weitermachen. Kleine Fluchten suchen, kleine Auszeiten. Wie so ein Weihnachtsmarkt.

Die Selbstmotivation funktioniert immerhin so lange bis ich W. treffe, und das reicht ja auch.

D. ruft noch an, er ist inzwischen doch in seine Wohnung gekommen und will zu uns stoßen, aber ich wimmle ihn ab. „Notlügen…“ meine ich zu W. und hoffe nur, er denkt nicht, dass ich die auch ihm gegenüber einsetze. Aber er ist kein idiot, und ich denke, er weiß das Konzept zu schätzen, ab und zu lieber eine Notlüge zu erzählen als den anderen zu verletzen. Ehrlichkeit ist gut und schön, kostet aber eben auch manchmal viel Zeit und Energie, die man nicht immer hat oder aufbringen möchte. Anlügen ist keine Dauerlösung, aber zwischendrin meines Erachtens durchaus erlaubt und angemessen.

Wir gehen unsere übliche Runde: Erst Erbsensuppe, dann am Platz die Innenrunde, relativ schnell einen Glühwein (dieses Jahr Winzerglühwein aus Dornfelder), dann zur Schmiede. Dort treffen wir einen Freund von W., den er aus der Mittelalter-Szene kennt. Der Freund ist ein Baum von einem Kerl und kommt mir vage bekannt vor.

Wir trödeln weiter, schauen hier und stöbern dort, kaufen ein paar Kleinigkeiten, trinken einen leckeren Likör-Apfel-Punsch, treffen W.s Freund am anderen Ende des Marktes, quatschen über Gott und die Welt und enden schließlich kurz nach 21:00 Uhr als der Markt langsam einpackt am Ausschank eines Likör- und Schnapshändlers, wo wir noch einen Absacker nehmen und W.s Freund ein drittes Mal treffen. So ist das, am Ende landen immer alle in der Kneipe; man muss nur wissen, welches der angesagte „originale“ Laden ist (Tipp: Es ist nie der, wo junge Leute oder Hipster hingehen…).

Wir beenden noch unsere Außenrunde, dann verabschieden wir uns. W. will mit seinem Freund noch weiterziehen, ich muss pflichtschuldigst nach Hause, denn morgen ist ein Arbeitstag. Außerdem habe ich für heute genug Geld ausgegeben:
3,00 EUR Fahrgeld, 3,50 Flasche selbstgemachten Quittensaft (jeden Cent wert), 2,50 EUR Erbsensuppe, 9,95 EUR für sechs Blutwürste (dito), 2,50 EUR für den Winzerglühwein, 2,00 EUR für den Apfelpunsch, 6,00EUR für einen Teelichthalter aus Birke für P., 2,00 EUR für ein Duftsäckchen,  2,50 EUR für einen doppelten Persiko. Macht summa sumarum 34 Euros. Da bleibt mir nicht mehr viel für den Einkauf morgen. Und am Sonntag muss ich auch noch Fahrkarten kaufen, um H. abzuholen.

≈≈≈≈

Der Heimweg ist unproblematisch; um 22:00 Uhr bin ich zu Hause. Noch ein bisschen fernsehen und dann vom eigenen Schnarchen lange genug aufwachen, um Licht und Fernseher auszumachen.

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