Morgens ruft H. an: Er hat ein Ticket für Sonntag gekauft und kommt abends um kurz vor neun an. Ich freue mich, auch weil ich dadurch noch das ganze Wochenende für mich habe (also zum Arbeiten…).

≈≈≈≈

Eigentlich bin ich recht motiviert in den Tag gegangen, aber irgendwie ist alles furchtbar spät geworden, ich habe erst um 11:00 gefrühstückt, dann noch ein paar Sachen nachgeschaut, dann ist es plötzlich Nachmittag, ich muss bald los und habe überhaupt keine Lust mehr, etwas zu arbeiten. dazu latente Kopfschmerzen und bleierne Müdigkeit.

Aaaarrrggghhh!!!

≈≈≈≈

Vormittags ein Notruf von D.: er ist auf dem Weg nach B., hat aber seinen Schlüssel nicht. Was nun? Ich habe ja auch keinen mehr. Falls J. nicht da ist, könnte er natürlich in H.s Wohnung schlafen…

Chaot. 😉

≈≈≈≈

Ich beschließe irgendwann, dass heute eben kein Arbeitstag ist und gebe nach: essen, lesen, surfen, Fotos sortieren, ins Bett und wieder lesen, darüber eindösen, aber nicht schlafen, weiterlesen, nicht an Telefon gehen als P. anruft, kurz vor 17:00 aufstehen.

≈≈≈≈

Anziehen, einpacken, obwohl es nicht besonders kalt ist, aber die ganze Zeit draußen zu sein auf dem Weihnachtsmarkt, wo man auch viel steht oder langsam geht – sicher ist sicher. Ausziehen geht immer noch.

Zur Bank, checken, ob alles erledigt ist. Ist es nicht. Nicht aufregen, hilft nichts, morgen nochmal probieren, ansonsten Montag Rabatz machen.

Noch schnell zu Karstadt rein. Die Platzdeckchen, die ich mir farblich für Weihnachten denke, kosten 3,99 EUR das Stück. Bin ich bereit, 12,00 oder 16,00 EUR auszugeben für den Weihnachtstisch? Gut, ich kann sie später auch nutzen; andererseits sind Platzdeckchen nicht das, was im Haushalt unbedingt fehlt. Der Kauf widerspricht meinem Streben, keinen weiteren Kram in mein Leben zu holen.

≈≈≈≈

Wann sind die Kurzstreckenfahrscheine teurer geworden? Werfe mein mühsam rausgekramtes Kleingeld zurück ins Portemonnaie und krame anderes hervor.

Die Bahn ist proppenvoll. Eine Frau quetscht sich mit faltbarem Mini-Buggy und darin befindlichem Kind noch hinein und steht dann quer vor der Tür. Es entspinnt sich ein kleiner Austausch zwischen ihr und der vielleicht 2-jährigen Tochter im Buggy.

An der nächsten Station fragt die Frau laut in die Runde, ob vielleicht irgendjemand assteigen möchte…? Die Reaktion ist eine Mischung aus Gelächter, genervtem Aufstöhnen, zwischen den Zähnen herausgepressten Flüchen und einem kollektiven „Jaaa!“ wie beim Kasperletheater. Sie steigt dann pflichtschuldigst aus, um die Tür freizugeben und anschließend wieder einzusteigen.

Immerhin mal jemand, der mit seiner Umwelt kommuniziert! Man freut sich ja schon über Kleinigkeiten…!

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Am Weihnachtsmarkt angekommen schaue ich auf die Uhr: halb sechs. W. treffe ich „ab 19:00 Uhr“, ich habe also massig Zeit, in Ruhe eine Runde zu drehen, zu schauen, Fotos zu machen.

Schon nach kurzer Zeit überfällt mich eine schöne, dicke Depression: Die Erinnerung an all die Jahre, die ich auf diesem Weihnachtsmarkt war, mit den verschiedensten Leuten. Wie ich vor 35 Jahren als Kind hier selbst drei Jahre an einem Stand „Dienst tat“. Vor 35 Jahren! 35 Jahre!!! Mir wird kurz schlecht. Ich möchte heulen. Die Depression habe ich natürlich nicht wegen der 35 Jahre, sondern sie ist zum einen hormonell bedingt (prämenstruell…), zum anderen entstammt sie meiner unendlichen Erschöpfung, körperlich wie emotional.

Können Selbständige eigentlich auch in Kur gehen? Um Burnout zu verhindern, oder so? Dazu müsste ich vermutlich erstmal den Kampf mit Ärzten, der Krankenkasse und wem sonst noch aufnehmen, und dazu habe ich ironischerweise keine Kraft. Also irgendwie durchhalten und weitermachen. Kleine Fluchten suchen, kleine Auszeiten. Wie so ein Weihnachtsmarkt.

Die Selbstmotivation funktioniert immerhin so lange bis ich W. treffe, und das reicht ja auch.

D. ruft noch an, er ist inzwischen doch in seine Wohnung gekommen und will zu uns stoßen, aber ich wimmle ihn ab. „Notlügen…“ meine ich zu W. und hoffe nur, er denkt nicht, dass ich die auch ihm gegenüber einsetze. Aber er ist kein idiot, und ich denke, er weiß das Konzept zu schätzen, ab und zu lieber eine Notlüge zu erzählen als den anderen zu verletzen. Ehrlichkeit ist gut und schön, kostet aber eben auch manchmal viel Zeit und Energie, die man nicht immer hat oder aufbringen möchte. Anlügen ist keine Dauerlösung, aber zwischendrin meines Erachtens durchaus erlaubt und angemessen.

Wir gehen unsere übliche Runde: Erst Erbsensuppe, dann am Platz die Innenrunde, relativ schnell einen Glühwein (dieses Jahr Winzerglühwein aus Dornfelder), dann zur Schmiede. Dort treffen wir einen Freund von W., den er aus der Mittelalter-Szene kennt. Der Freund ist ein Baum von einem Kerl und kommt mir vage bekannt vor.

Wir trödeln weiter, schauen hier und stöbern dort, kaufen ein paar Kleinigkeiten, trinken einen leckeren Likör-Apfel-Punsch, treffen W.s Freund am anderen Ende des Marktes, quatschen über Gott und die Welt und enden schließlich kurz nach 21:00 Uhr als der Markt langsam einpackt am Ausschank eines Likör- und Schnapshändlers, wo wir noch einen Absacker nehmen und W.s Freund ein drittes Mal treffen. So ist das, am Ende landen immer alle in der Kneipe; man muss nur wissen, welches der angesagte „originale“ Laden ist (Tipp: Es ist nie der, wo junge Leute oder Hipster hingehen…).

Wir beenden noch unsere Außenrunde, dann verabschieden wir uns. W. will mit seinem Freund noch weiterziehen, ich muss pflichtschuldigst nach Hause, denn morgen ist ein Arbeitstag. Außerdem habe ich für heute genug Geld ausgegeben:
3,00 EUR Fahrgeld, 3,50 Flasche selbstgemachten Quittensaft (jeden Cent wert), 2,50 EUR Erbsensuppe, 9,95 EUR für sechs Blutwürste (dito), 2,50 EUR für den Winzerglühwein, 2,00 EUR für den Apfelpunsch, 6,00EUR für einen Teelichthalter aus Birke für P., 2,00 EUR für ein Duftsäckchen,  2,50 EUR für einen doppelten Persiko. Macht summa sumarum 34 Euros. Da bleibt mir nicht mehr viel für den Einkauf morgen. Und am Sonntag muss ich auch noch Fahrkarten kaufen, um H. abzuholen.

≈≈≈≈

Der Heimweg ist unproblematisch; um 22:00 Uhr bin ich zu Hause. Noch ein bisschen fernsehen und dann vom eigenen Schnarchen lange genug aufwachen, um Licht und Fernseher auszumachen.

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Reizüberflutung

6. Juli 2009

Als introvertierter aber nicht unbedingt schüchterner oder kontaktscheuer Mensch kämpfe ich ein wenig mit dem gängigen Modell der Introvertiertheit.

Zumindest in Deutschland wird Introvertiertheit meistens mit Eigenschaften wie scheu, zurückgezogen, melancholisch, phlegmatisch, ungesellig und passiv gleichgesetzt (vgl. Wkipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Introvertiertheit), alles eher negativ besetzte Eigenschaften, so als wäre der/die Introvertierte irgendwie unsozial und funktionsgestört.

Introvert by Clearly Ambiguous
Foto: Clearly Ambiguous

Ich als introvertierter und hochsensitiver Mensch (HSP) finde mich eher in der amerikanischen Beschreibung des Phänomens wieder, wie etwa in dem großartigen Artikel Caring for Your Introvert von Jonathan Rauch.

Rauch beschreibt Introvertierte als Menschen, die

  • viel Zeit allein brauchen, um Energie zu tanken
  • gerne lange und intensive Gespräche über Gefühle und Ideen führen
  • mitreißend vor großem Publikum sprechen können, aber sich beim Small Talk ungeschickt anstellen
  • zu Parties gezerrt werden müssen und dann einen Tag brauchen, um sich davon zu erholen

Er hält es für falsch, Introvertierte als ernst, distanziert, abgehoben, arrogant oder unhöflich zu betrachten, und er warnt davor, Introvertiertheit gleichzusetzen mit mangelnden sozialen Fähigkeiten, Schüchternheit, Griesgrämigkeit oder Misanthropie:

Introverts are not necessarily shy. Shy people are anxious or frightened or self-excoriating in social settings; introverts generally are not. Introverts are also not misanthropic, though some of us do go along with Sartre as far as to say „Hell is other people at breakfast.“ Rather, introverts are people who find other people tiring.

„Introvertierte sind Menschen, die andere Menschen ermüdend finden.“ Das trifft den Nagel wunderbar auf den Kopf, und zwar im rein körperlichen Sinne: Der Kontakt mit anderen Menschen ist weder unwillkommen, noch werden andere Menschen aus einer distanzierten, überheblichen Position vom Introvertierten als „unwürdig“ beurteilt. Das Zusammensein ist nur so verdammt anstrengend! Es kostet unvorstellbar viel Kraft und Energie.

Ich WILL mit Menschen zusammen sein, ich will mich austauschen, will zuhören und erzählen, will lachen, singen und erleben. Aber es kostet mich soviel Kraft wie ein Marathonlauf.

Rauch selbst schreibt, er brauche etwa zwei Stunden allein, um sich von einer Stunde mit anderen Menschen zu erholen:

This isn’t antisocial. It isn’t a sign of depression. It does not call for medication. For introverts, to be alone with our thoughts is as restorative as sleeping, as nourishing as eating.

Es ist gar nicht so einfach, sich dieses Bedürfnis zuzugestehen, und noch schwerer ist es, dies einer Umwelt zu vermitteln, die zum Großteil aus extrovertierten Menschen besteht, die genau andersherum funktionieren: Für sie ist der Kontakt mit anderen Menschen ihr Lebenselixier, sie können ohne diesen Kontakt nicht funktionieren und gehen die Wände hoch, wenn sie auf sich zurückgeworfen sind.

Meine depressive Freundin, die vor allem darunter leidet, zu wenig Kontakt zu haben, kann nur sehr schwer akzeptieren, dass ich nicht alle paar Tage stundenlange Gespräche führen kann, weil ich sonst durchdrehe.

Es ist für andere schwer zu verstehen, dass es mir dabei nicht ums Wollen oder um ihre Person geht, sondern es mir schlicht physisch und psychisch nicht möglich ist.

Ich reagiere mit Überforderung und Erschöpfung. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Die Nerven liegen blank. Ich möchte zwölf Stunden schlafen. Der Kopf tut weh, die Augen brennen, ich habe einen Kloß im Hals.

Ich habe keine Angst vor anderen Menschen, im Gegenteil, ich bin als sehr kontaktfreudig bekannt. Ich bin weder schüchtern, noch verschlossen, noch hochmütig. Ich unterhalte mich gerne mit Menschen, ich höre mir gern ihre Geschichten an, ihre Sorgen und ihre Probleme. Ich sehe nicht auf andere herab für das, was sie sind oder fühlen oder denken oder tun.

Aber der Kontakt mit anderen Menschen strengt mich an. Ich empfinde zwischenmenschliche Kontakte als sehr intensiv. Ich nehme viel Energie von meinem Gegenüber auf (positive und negative), und so ist mein „Speicher“ schneller voll. Ich brauche länger, um Gesagtes oder Eindrücke zu verarbeiten. Ich bin schneller erschöpft.

Mein Widerwillen gegen Small Talk ist keine Missachtung, sondern eine Frage der Energieressourcen. Ein Gespräch fordert meine volle Aufmerksamkeit, fordert Reflexion, Auseinandersetzung, Einsatz. Wenn es um nichts geht, lohnt sich der Aufwand nicht und kostet nur unnötig Kraft. Es gelingt mir nicht, mich in ein Gespräch nicht einzubringen.

Ich hasse es, mich zu wiederholen. Wenn ich etwas mit jemandem bespreche, dann ist es für mich erledigt. Wenn wir alle Alternativen eines Vorhabens diskutiert haben und eine favorisieren, dann steht diese Entscheidung fest, und es macht mich wahnsinnig, am nächsten Tag dieselbe Diskussion nochmal zu führen, ohne dass neue Gesichtspunkte aufgetaucht wären.

Ich denke, bevor ich spreche, während viele meiner Freunde und Bekannten anscheinend erst durch das Sprechen ihre Gedanken für sich selbst formulieren können. Ich denke nicht, dass der eine oder andere Weg besser ist; die Methoden sind unterschiedlich, und ihr Aufeinandertreffen macht das Zusammenleben schwerer.

Die englischsprachige Wikipedia fasst die Verfasstheit von Introvertierten sehr treffend zusammen:

Introverts (…) often take pleasure in solitary activities such as reading, writing, drawing, and using computers. The archetypal artist, writer, sculptor, composer, and inventor are all highly introverted. An introvert is likely to enjoy time spent alone and find less reward in time spent with large groups of people, though they tend to enjoy interactions with close friends. They prefer to concentrate on a single activity at a time and like to observe situations before they participate. Introverts are easily overwhelmed by too much stimulation from social gatherings and engagement. They are more analytical before speaking.

Introversion is generally not the same as shyness. Introverts choose solitary over social activities by preference, whereas shy people avoid social encounters out of fear.

Und sie fasst auch mögliche biologische Ursachen zusammen:

  • Extrovertierte scheinen stärkere äußere Reize zu benötigen, um dieselbe körperliche Reaktion zu zeigen
  • Extrovertierte reagieren empfindlicher auf Dopamine, womit mögliche Belohnungen als stärker empfunden werden
  • Generell scheinen bei Introvertierten und Extrovertierten unterschiedliche Gehirnregionen stärker durchblutet zu sein: der Frontallappen (Steuerung der Ausführung von Bewegungen und Regulierung der kognitiven Prozesse hinsichtlich der Ausführung situationsgerechter Handlungen) und der Thalamus dorsalis (Informationsverarbeitung, Planung, Problemlösung) bei Introvertierten, die Pars anterior des Cingulum und der Temporallappen (Sinneswahrnehmung, Sprache, Erinnerungen, emotionale Wahrnehmung) bei Extrovertierten.

Es tut gut zu wissen, dass ich nicht „gestört“, „falsch“ oder „unwillig“ bin, sondern anders als die Menschen in meinem Umfeld. Ich habe ein Recht auf Verständnis, Toleranz und Rücksichtnahme. Ich muss nicht „anders“ sein. Ich muss mich nicht „mehr anstrengen“. Ich muss nicht „über meinen Schatten springen“.

Ihr müsst akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders ticken!

Black sheep by pasotraspaso
Foto: pasotraspaso

Ein schönes Blog zum Thema: eine hochsensitive

Aus der Zeit gefallen

23. Juni 2009

10 Tage Urlaub.

Wirklicher Urlaub.

Keine Arbeit. Na gut, fast keine Arbeit. Zumindest nicht nach den ersten drei Tagen. Keine Gedanken an Kunden, Projekte, Termine, Pflichten, To Dos.

Stattdessen: Andere Orte, andere Menschen. Ich, zusammen mit anderen Menschen. Praktisch rund um die Uhr. Ohne mich bedrängt, eingeengt, beschnitten oder bevormundet zu fühlen. Ein Gefühl von Stärke, von Reife, von Selbstachtung. Und ein Gefühl von Respekt – mir selbst gegenüber und von anderen entgegengebracht.

Zwar wie üblich von einer bestimmten Person nicht, aber diesmal hat es nicht so weh getan, denn wir waren nicht alleine, so konnte sie mich nicht so treffen wie sonst.

Nach der Rückkehr gestern die zufällige Begegnung mit den liebsten Freunden. Und auch hier: Wärme, Zuneigung, Respekt.

Ich bin ruhig.

Und glücklich.

Die Arbeit?

Ist morgen auch noch da.

Erstmal ankommen.

Calm by atomicjeep
Foto: atomicjeep

Bruchstücke

4. Februar 2009

Mit Beginn des Februars habe ich endlich ein Gefühl von Neuanfang – das berühmte Erste-leere-Seite-eines-neuen-Notizbuchs-Gefühl.

Viel Zeit für Selbstreflexion blieb mir in den vergangenen Wochen nicht, dafür war zuviel los, zuviele Dinge, die meine ganze Energie abzogen. Wichtig war nur, nicht durchzudrehen oder schlapp zu machen.

Aber jetzt sind einige Hürden genommen, und ich schaue etwas gelassener in die nähere Zukunft.

Menschen = Energiefresser?

Begegnungen mit anderen Menschen, ob persönlich oder am Telefon, kosten mich Unmengen von Energie und Kraft. Die Anstrengung scheint proportional zur Länge des Gesprächs und zur „Ungeliebtheit“ der Person zu steigen.

Im Gegenzug nehme ich bereitwillig Energie von meinem Gegenüber auf – meine Anstrengung wird aber leider auch nicht geringer, wenn dies vor allem positive Energien sind. Es scheint, dass allein dieser „Energieaustausch“ schon enorme Kraft kostet.

Ausgepresst
Foto: apesara

Vielleicht bin ich hypersensitiv und muss hier einfach besser auf mich aufpassen: die Zahl der Kontakte begrenzen, Begegnungen mit Menschen, die mir nicht gut tun (Gefühlsvampire) möglichst auf ein Minimum reduzieren, bei seelischer Überforderung Grenzen setzen, für Ausgleich und Erholung sorgen (Meditation?).

Handeln!

In den letzten beiden Wochen habe ich wieder schön erlebt, wie ich mich besser fühle, wenn ich Dinge TUE – auch wenn es mich erstmal viel Kraft kostet. Es tut mir gut, immer ein wenig mehr zu tun als ich mir gerade zutraue, selbst wenn es nur scheinbar kleine Dinge sind: ein paar Papiere abheften, das Geschirr spülen, die Weihnachtsdekoration in einem Karton verstauen.

Ich erlebe mich als handlungsfähig und kompetent (wenigstens kann ich irgendetwas gut) und entwickle ein Gefühl von Selbstwert.

Das beflügelt mich auch auf anderen Gebieten, und wenn dann noch der besonders glückliche Fall eintritt, dass zusätzlich Anerkennung von außen (Freunde, Kunden) kommt, dann ist kein Halten mehr: ich bin motiviert, arbeite lange und viel und schaffe plötzlich Dinge, die eine Woche vorher undenkbar waren.

Jeder hat die Kunden, die er verdient

Ich hätte gern die persönliche und finanzielle Freiheit, mir meine Kunden auszusuchen. Immerhin spüre ich mittlerweile nicht nur Bedauern, Existenzangst und Versagen, wenn es mit einem Auftrag nicht klappt, bei dem ich mich von Anfang an schlecht gefühlt habe.

Meine Lebenszeit ist zu kurz, um mich mit gestörten Idioten abzurackern. Aber solange ich auf Angriffe solcher Idioten mit Verteidigung und Kampf reagiere, anstatt sie einfach mitleidig lächelnd an mir abperlen zu lassen (zumindest äußerlich), bin ich von diesem Ziel wohl noch ein Stück entfernt.

Lernaufgabe: Analysieren, wo ich selbst meine Schwachpunkte sehe und auf welche Vorwürfe ich verletzt reagiere. Reaktionen und Antworten auf solche Angriffe trainieren (Rückfragen, Schweigen, Floskeln).

It Works!

Meine Ordnungsideen funktionieren hervorragend; das Chaos auf meinem Schreibtisch und in meinem Kopf hält sich in Grenzen:

  • Die Projektordner halten meinen Tisch weitgehend papierfrei. Und bei der Vorbereitung eines Meetings oder der Suche nach Papieren für eine U-Bahnfahrt genügt jetzt ein Griff – keine umständliche Wühlerei mehr!
  • Der Block ergänzt das hervorragend: Alle Projekt- und Telefonnotizen an einem Platz, keine lose Zettelwirtschaft mehr. Und das Zuordnen zu den jeweiligen Projektordnern ist Minutensache. Zum Glück habe ich ein gutes situatives Gedächtnis, so finde ich auch blitzschnell den Zettel des Tages, an dem mir jemand eine Telefonnummer durchgegeben hat oder ich mir den Farbwert dieses Kundenlogos notiert habe.
  • Die aufgeräumte To-Do-Liste – ein Traum! Sie ist zwar schon wieder gigantisch lang (vielleicht verkürze ich den Drstellungszeitraum auf die Aufgaben der nächsten zwei Wochen statt vier), aber allein, dass ich diese ganzen Müsste-ich-mal-irgendwann-tun-Aufgaben nicht mehr ständig vor Augen habe – großartig! Und ich schaffe sie (als MONTAG-Aufgaben) tatsächlich nach und nach weg, statt einen Haufen Energie darauf zu verwenden, sie aus meinem Bewusstsein auszublenden.
  • Obwohl ich mit meiner digitalen To-Do-Liste sehr gut arbeiten kann, habe ich gern parallel einen Zettel für die Aufgabenliste des Tages, Notizen usw. Der Block reicht hierfür nicht aus, für manche Dinge brauche ich mehr Struktur. Ich ergänze den Block jetzt durch den „Daily Productivity Planner“ von Charles Gilkey (Productive Flourishing). Das ist ein fantastisches Formular, in das ich eintragen kann, auf welche Projekte ich mich an diesem Tag konzentrieren will, welche Termine schon fest eingeplant sind, welche Aufgaben ich im einzelnen erledigen will, und wann ich dies tun will.
    Sein Prinzip der „Productivity Heatmap“ hilft mir, im Laufe des Tages den richtigen Zeitpunkt für eine Tätigkeit oder Aufgabe zu finden – so schaffe ich mehr mit weniger Aufwand, weil ich arbeitsintensive Aufgaben jetzt bewusst in meine leistungsfähige Zeit lege und Routineaufgaben in Zeiten, wo ich weniger leistungsfähig oder konzentriert bin.

Schockzustand

5. Dezember 2008

Wie schnell sich alles ändert.

Eben sitzt Du noch im Bett mit dem Mann zusammen, der die Nacht mit einem Kumpel durchgemacht hat und morgens um 6:40 polternd in die Wohnung geschlichen ist, dann 3 Stunden mehr schlecht als recht geschlafen hat und jetzt mit gehörig Restalkohol aber guter Dinge witzige Begebenheiten vom Abend vorher zum Besten gibt.

Dann klingelt das erste Handy, dann das zweite, man ist doch neugierig und hört die Nachrichten ab, und dann das: „Es gibt eine traurige Nachricht… Ruf mal an!“

Man ahnt, nein man weiß eigentlich, um wen es geht, gehen muss, denn der Mitbewohner vom Mann rief gestern nachmittag aus der Intensivstation des benachbarten Krankenhauses an. Er sei ein paarmal umgekippt in den letzten tagen, einmal sogar länger bewußtlos gewesen und wolle der Sache jetzt auf den Grund gehen. Irgendwas mit dem Herzen sei wohl nicht so, wie es sein solle, er bekomme Medikamente, aber jetzt stünden erstmal ein Haufen Untersuchungen an.

Nein, Besuch wolle er im Moment nicht haben, er brauche auch nichts, habe alles dabei. Nur die Krankenkassenkarte, die müsse er irgendwie verbummelt haben – aber er habe schon bei der Kasse angerufen, eine neue werde geschickt: ob man vielleicht in den Briefkasten sehen und die neue Karte bei Gelegenheit vorbeibringen könne?

Der Mann war geschockt von diesem Anruf: so schlecht geht es ihm, dass er gleich auf der Intensiv liegt? Aber er beruhigt sich selbst: Eigentlich klang er ganz ruhig, gar nicht besorgt oder besonders krank. Trotzdem, so plötzlich so ein Zusammenbruch? Na ja, starker Raucher ist er, trinken tut er auch ordentlich, und dann immer die Nachtdienste – gesund ist das alles nicht.

Und nun gab es Telefonate mit allen, die etwas wissen könnten – wissen sollten – der Exfrau, dem engen Freund, aber der Tod kam für alle völlig überraschend.

„Wenigstens ging es schnell!“ „Genauso hätte er es sich gewünscht!“ versucht man sich selbst und den anderen zu trösten. Wo es doch keinen Trost geben kann, nur hilflose Wut auf den Tod, auf die Ungerechtigkeit des Schicksals, einen äußerlich gesunden, lebensfrohen Mann so plötzlich aus dem Leben zu reißen.

Am 21. Januar 2009 wäre Holger 51 Jahre alt geworden.